{"id":2346,"date":"2016-05-07T11:23:36","date_gmt":"2016-05-07T09:23:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ufftour.de\/?p=2346"},"modified":"2020-04-12T22:54:29","modified_gmt":"2020-04-12T20:54:29","slug":"iran-da-bleibt-einem-doch-die-luft-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.ufftour.de\/?p=2346","title":{"rendered":"Iran: Da bleibt einem doch die Luft weg"},"content":{"rendered":"<p>Das Leben des Landfahrers ist sch\u00f6n. Gem\u00fctlich tuckern wir in langsamer Geschwindigkeit, mehr w\u00e4re mit unserem \"Schneggsche\" in dieser bergigen Landschaft auch nicht m\u00f6glich, durch die sch\u00f6ne Bergwelt n\u00f6rdlich der Hauptroute der Seidenstra\u00dfe. Das heutige Ziel sind die Sinterterrassen Badab-e-Surt. Die Augen schweifen umher, genie\u00dfen den Anblick der farbigen Berge. Nur ab und an schweift der Blick auf die Temperaturanzeige des LKW, bewegt sich die Nadel doch sehr dicht am roten Bereich. Unser \"Schneggsche\" muss viel arbeiten um die \u00fcber 8 Tonnen Reisegewicht hier die Berge hoch zu schleppen. Die Sorgenfalten werden tiefer, als die Nadel sich dann eng\u00fcltig im roten Bereich festsetzt, kein Wunder bei \u00fcber 30\u00b0 Au\u00dfentemperatur trotz mehr als 2300m H\u00f6he. Mal wieder den Blick \u00fcber die Landschaft schweifen lassen. Dann rei\u00dft uns ein gemeines, lautes, platzendes Ger\u00e4usch zur\u00fcck in die Realit\u00e4t. Mein erster Gedanke: Ein Schlauch des K\u00fchlsystems ist geplatzt. Doch wieso steht der Druckanzeiger des einen Bremskreises (LKWs haben Druckluftbremsen) auf Null!?!?! Als ich Anhalten will und dazu die Bremse bet\u00e4tige, passiert nicht wirklich viel.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.ufftour.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/p2090307.jpg\"><img decoding=\"async\" title=\"P2090307.jpg\" class=\"alignnone size-full\"  alt=\"image\" src=\"https:\/\/www.ufftour.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/p2090307.jpg\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Das corpus delicti. Zum Gl\u00fcck war es nichts Schlimmeres.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das Wort \"Bremse\" ist bei diesen alten LKWs sowieso eine unversch\u00e4mte \u00dcbertreibung. Die Trommelbremsen brauchen ewig, um so ein 8-Tonnen-Gef\u00e4hrt zum Halten zu bringen. Einzig die Firma Deutz, die \u00c4lteren k\u00f6nnen sich vielleicht an diese ehemalige LKWs erinnern, waren ehrlicher. In deren Bedienungshandb\u00fcchern taucht nicht einmal das Wort \"Bremse\" auf, es wird immer von einer \"Verz\u00f6gerungseinrichtung\" gesprochen...<br \/>\n<br class=\u201dclear\u201d \/><\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck zu unserer Situation. Irgendwas im Bremssystem ist auseinander geflogen. Na toll, dass Ganze im Nirgendwo. Zur\u00fcck zur n\u00e4chsten Stadt sind es rund 100km, zu den Sinterterrassen noch 80, von dort aus noch mal 100km zur n\u00e4chsten Stadt. Zun\u00e4chst suchen wir am Stra\u00dfenrand nach einem offensichtlichen Defekt, finden jedoch nichts. In meiner bekannt liebensw\u00fcrdigen Art gelingt es mir, die beste Ehefrau von allen zu \u00fcberreden, dass wir zu den Sinterterrassen weiterfahren. Bremsen sind sowieso \u00fcberbewertet und hier in den Bergen trete ich oft das Gaspedal auf das Bodenblech und trotzdem k\u00f6nnte uns ein trainierter Senior mit dem Rollator \u00fcberholen. Ich h\u00f6re mich Lobeshymnen auf die Autoingnieure singen, die den Fahrzeugen zwei Bremskreise spendiert haben. Damit bleibt bei Ausfall eines ja noch die immense Bremsf\u00e4higkeit der anderen Achse erhalten. Au\u00dferdem k\u00f6nne ich bei Gefahr ja auch noch die Handbremse ziehen, die ohne Druckluft auskommt. Und Berg runter kann ich auch die \u00fcppige Bremsleistung des Motors nutzen. Also alles ist gut.<br \/>\n<br class=\u201dclear\u201d \/><\/p>\n<p>In Gedanken bin ich beim Fotografieren der Sinterterrassen im Abendlicht (auch wenn sich sp\u00e4ter herausstellen sollte, dass das Morgenlicht viel besser ist!). Heike bleibt skeptisch und f\u00fchlt sich unwohl, gibt meinem Charme jedoch nach. Im Prinzip l\u00e4uft auf den 80km auch alles glatt, nur als einmal hinter einer Kurve ein PKW vom Standstreifen losf\u00e4hrt und ganz langsam tuckert, habe ich nach einem Anker gesucht, den ich gerne als Unterst\u00fctzung aus dem Fenster geworfen h\u00e4tte, nachdem ich mit meinen wohlgen\u00e4hrten 100 Kilogramm auf dem Bremspedal stand.<br \/>\n<br class=\u201dclear\u201d \/><\/p>\n<p>Die Gedanken schwirrten nat\u00fcrlich um m\u00f6gliche Fehlerursachen: Es k\u00f6nnte im einfachsten Fall ein geplatzter Schlauch oder eine abgeflogende Verschraubung, schlimmstenfalls jedoch ein defektes Bremsventil oder gar ein Bremszylinder sein. Sowas w\u00e4re hier nicht aufzutreiben (leider haben wir keinen Mercedes), sondern den m\u00fcsste ich wohl aus Deutschland schicken lassen. Aber wohin und in welcher Zeit. Sowas k\u00f6nnte einem glatt die ganze Reise versauen...<br \/>\n<br class=\u201dclear\u201d \/><\/p>\n<p>An den Sinterterrassen angekommen erstmals Fotos in Abendlicht gemacht und abends noch die Dokumentation des Bremssystems gew\u00e4lzt um m\u00f6gliche Fehlerquellen zu lokalisieren. Da war ich schon ziemlich optimistisch, dass es kein Bremszylinder sein konnte.<br \/>\n<br class=\u201dclear\u201d \/><\/p>\n<p>Im ersten Morgenlicht wieder fotografiert, dann ans Werk, um hoffentlich einen einfach zu reparierenden Fehler zu finden. Und siehe da, nach etwas Suchen findet sich in einem Strang aus mehreren Luftschl\u00e4uchen einer, der geplatzt ist. Also frisch ans Werk.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.ufftour.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/p2090303.jpg\"><img decoding=\"async\" title=\"P2090303.jpg\" class=\"alignnone size-full\"  alt=\"image\" src=\"https:\/\/www.ufftour.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/p2090303.jpg\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Hier wird schwer gearbeitet<\/em>.<\/p>\n<p>Zwischendurch wird uns von anderen Besuchern Tee gebracht. Nachdem wir fertig sind, stehen schon andere mit Kebabspie\u00df hinter uns und laden uns zum Mittagessen ein.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.ufftour.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/p2090311.jpg\"><img decoding=\"async\" title=\"P2090311.jpg\" class=\"alignnone size-full\"  alt=\"image\" src=\"https:\/\/www.ufftour.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/p2090311.jpg\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Nach der Reparatur Lunch mit freundlichen Iranern.<\/em><\/p>\n<p><br class=\u201dclear\u201d \/><br \/>\nLeider hat der geplatzte Schlauch eine Dimension, f\u00fcr die ich kein brauchbares Reparaturmaterial dabei habe. Doch mit einer Sammlung aus Einzelteilen aus unserem Bestand und denen unserer Freunde Andrea und Achim, die wir hier wieder getroffen haben, l\u00e4sst sich ein Provisorium basteln. Dieses wird es uns erm\u00f6glichen, mit funktionierender Bremse in die n\u00e4chste Stadt zu kommen, um dort passendes Material aufzutreiben.<\/p>\n<p><br class=\u201dclear\u201d \/><br \/>\nUnd hier beginnt wieder einmal eine wunderbare Geschichte...<br \/>\n<br class=\u201dclear\u201d \/><\/p>\n<p>In Damghan angekommen, machen wir uns auf die Suche nach einer LKW-Werkstatt. Wir haben schlechte Karten, schlie\u00dflich ist Freitagnachmittag (also der muslimische \"Sonntag\"). Fast alle L\u00e4den haben geschlossen. Wir tuckern durch die Stadt, fragen an einer PKW-Werkstatt, die offen ist, aber die haben nat\u00fcrlich nichts Passendes.<\/p>\n<p>Wir tuckern weiter und dann mal wieder typisch Iran: Ein PKW f\u00e4hrt neben uns. \"Can i help you?\" Der Fahrer hat aus unserer langsamen Fortbewegung geschlossen, dass wir etwas suchen. Und er kann ein paar Worte englisch. Prima. Ich erkl\u00e4re ihm, was wir suchen, ihm ist aber nicht klar, das LKWs Luftbremsen haben. Wir sollen kurz warten, er f\u00e4hrt zu einer Werkstatt und l\u00e4sst sich das erkl\u00e4ren. Ein paar Minuten sp\u00e4ter ist Reza wieder zur\u00fcck mit der Adresse eines Autoteilegesch\u00e4ftes. Wir sollen ihm nachfahren.<\/p>\n<p>Er f\u00e4hrt mit eingeschalteter Warnblinkanlage vor uns her. Zum ersten Mal seit mehr als einer Woche im Iran, sehe ich ein blinkendes iranisches Auto! Im Laden angekommen, erkl\u00e4rt er dem Besitzer, der nur Farsi spricht, unser Problem. <\/p>\n<p>Leider hat der kein Kunststoffrohr in der richtigen Dimension, aber er f\u00e4ngt sofort mit den ihm zur Verf\u00fcgung stehenden Mitteln an, etwas zu bauen. Reza zieht derweil los, um trotzdem in anderen Gesch\u00e4ften nach dem richtigen Rohr zu suchen. Die Reparatur geht jedoch bereits voran. Wir f\u00fcllen auch gleich noch \u00d6l auf und ich m\u00f6chte noch ein paar mir fehlende Ersatzteile mitnehmen. Alles kein Problem, ich soll in seinem Laden suchen.<\/p>\n<p>Ich frage noch nach einem Schraubstock, da uns der Dorn eines Stauklappen-Scharniers gebrochen ist und dieser im Scharnier feststeckt. Um ihn rauszuschlagen, m\u00fcsse ich das Scharnier aber einspannen. Der Ladenbesitzer macht sich gleich selbst ans Werk und erledigt auch das, so dass wir den abgebrochenen Bolzen durch ein St\u00fcck Gewindestab ersetzen k\u00f6nnen. Unser neuer Freund Reza bleibt die ganze Zeit dabei und dolmetscht.<\/p>\n<p>Als alles fertig ist, geht es ans Bezahlen und der Ladenbesitzer will nur einen sehr bescheidenen Betrag f\u00fcr die ganze Geschichte einschlie\u00dflich der Ersatzteile. Ein zus\u00e4tzliches Trinkgeld lehnt er ab. Willkommen im Iran.<br \/>\n<br class=\u201dclear\u201d \/><\/p>\n<p>Reza fragt, nach unseren Pl\u00e4nen. Ich erkl\u00e4re, dass wir uns heute abend und morgen fr\u00fch noch die Sehensw\u00fcrdigkeiten und den Bazar der Stadt anschauen wollen und dann zu einer rund 500km langen W\u00fcstendurchquerung aufmachen wollen. Ich frage noch nach einem guten Stellplatz f\u00fcr die Nacht, m\u00f6glichst fussl\u00e4ufig von Bazar und Moschee. Kein Problem. Er f\u00e4hrt wieder mit Warnblinkanlage vor uns her. An einem Stadtpark macht er halt. Hier k\u00f6nnen wir stehen.<\/p>\n<p>Ich will mich eigentlich verabschieden und bedanken. Aber weit gefehlt. Er bietet sich als F\u00fchrer durch die Stadt an. Wir besuchen einen heiligen Schrein, er sorgt daf\u00fcr, dass wir auch hinein k\u00f6nnen. Ebenso bei einer Koranschule und der Freitagsmoschee. Langsam wird es dunkel, wir wollen zum Auto zur\u00fcck. Kein Problem, morgen fr\u00fch kommt er wieder und f\u00fchrt uns noch zur Tarikhaneh-Moschee, der \u00e4ltesten erhaltenen Moschee im Iran. Die stand sowieso auf unserem Programm. Willkommen im Iran.<\/p>\n<p>Morgens ist Reza wieder da und wir besuchen die alte Moschee und den Bazar. Au\u00dferdem f\u00e4hrt er noch mit mir durch die halbe Stadt, um einen Ventilator aufzutreiben. Diesel und Wasser brauchen wir auch noch. Alles kein Problem. Ach so, er hat sich heute wegen uns bei der Arbeit freigenommen. Willkommen im Iran.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.ufftour.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/209035701_wm.jpg.jpg\"><img decoding=\"async\" title=\"2090357~01_wm.jpg\" class=\"alignnone size-full\"  alt=\"image\" src=\"https:\/\/www.ufftour.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/209035701_wm.jpg.jpg\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Der gute Engel Reza.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Reza, thank you again for your great help. It was a great pleasure to meet you.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Leben des Landfahrers ist sch\u00f6n. Gem\u00fctlich tuckern wir in langsamer Geschwindigkeit, mehr w\u00e4re mit unserem \"Schneggsche\" in dieser bergigen Landschaft auch nicht m\u00f6glich, durch die sch\u00f6ne Bergwelt n\u00f6rdlich der Hauptroute der Seidenstra\u00dfe. Das heutige Ziel sind die Sinterterrassen Badab-e-Surt. Die Augen schweifen umher, genie\u00dfen den Anblick der farbigen Berge. 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